Rundbrief Nr. 1

Liebe Leser, nun bin ich schon seit fast drei Monaten in Ruanda. Es war eine sehr intensive Zeit mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen. Ich habe mich mittlerweile gut eingelebt, einen festen Alltag habe ich jedoch noch nicht.

Ich lebe in Cyakabiri, einem Vorort von Muhanga. Mit 90.000 Einwohnern zählt sie zu den größeren Städten Ruandas und liegt auf einer Höhe von mehr als 1800 Metern. Ich lebe in einer gemütlichen Wohnung in einer kleinen Häusersiedlung. Die Wohnung besteht aus einem langen, schmalen Flur, an dem mein Schlafzimmer, die Küche und das Bad liegen. Das Gästezimmer erreicht man über die Küche. Das Bad ist zwar ziemlich klein, verfügt aber über warmes Wasser. Generell bin ich mit der Wohnung sehr zufrieden, das einzige, was ich ab und zu vermisse ist ein Sofa, ein Fehrnseher und ein Kühlschrank. Durch meine Mitbewohner, kleine Echsen, fühle ich mich auch nicht alleine. Zusätzlich lebt hinter dem Haus eine Kuh, wodurch ab und zu unschöne Gerüche durch das Küchenfenster strömen. Auch die Lage der Wohnung ist super, da es direkt in der Nachbarschaft kleine Läden für den täglichen Einkauf gibt. Dort findet man jegliche Arten von Obst und Gemüse, Teigwaren, Kekse, Softdrinks, alle möglichen Haushaltsgegenstände und vieles mehr. Auch wenn die Hauptstraße nur ca. 30 Meter von meiner Haustür entfernt liegt, ist es dennoch ruhig.

Ich arbeite für die Organisation „Rural Development Interdiocesan Service“ (RDIS). Wir führen nachhaltige Entwicklungsprojekte in vier Diözesen der Anglikanischen Kirche von Ruanda durch. In einem Projekt verteilen wir Herde an die ländliche Bevölkerung, die viele Vorteile gegenüber den traditionellen Feuerstellen haben. Diese bestehen nämlich lediglich aus drei Steinen, die in einem Dreieck aufgestellt werden. Dann wird der Topf darauf gestellt und erhitzt. Unsere Herde, die größtenteils aus Lehm, Ziegelsteinen und Zement bestehen, verbrauchen weniger Feuerholz, sodass die Familien Geld sparen und die Umwelt weniger belastet wird. Sie kochen schneller und produzieren weniger Rauch, was besser für die Gesundheit der Benutzer ist. In einem anderen Projekt verteilen wir Wasserfilter, die es ermöglichen unreines Wasser in Trinkwasser zu filtern. Sie bestehen aus einer speziellen Mischung von Lehm und Sägemehl mit einer zusätzlichen chemischen Beschichtung. Dadurch müssen die Familien ihr Wasser nicht mehr abkochen. Mit unserem Mülltrennungsprojekt wollen wir darauf aufmerksam machen, wie wichtig Mülltrennung ist. Dazu hat RDIS dreiteilige Mülleimer entwickelt. Ein Fach ist für kompostierbare, eins für recyclebare und eins für nicht-recyclebare Materialien. Unser Ziel ist es, dass nicht mehr der ganze Müll durchmischt auf Müllhalden landet, wie es aktuell sehr häufig der Fall ist. Zuletzt haben wir noch ein Solarenergie-Projekt. Haushalte können dabei ein Solarpanel auf ihrem Dach installieren lassen, wodurch vier Glühbirnen betrieben und andere elektronische Geräte geladen werden können. In Ruanda ist die Mehrheit der Haushalte nicht an das Stromnetz angeschlossen, sodass viele Familien nach Sonnenuntergang in der Dunkelheit sitzen.

Meine Aufgaben teilen sich in Feldbesuche und in Büroarbeit. Bei den Feldbesuchen begleite ich zum Beispiel die Verteilung von 120 Wasserfiltern oder ich helfe, die Verträge für die Herde auszufüllen. Häufig mache ich auch einfach Fotos. Bei dieser Arbeit komme ich in Kontakt mit der ländlichen Bevölkerung Ruandas. In diesen Gebieten leben sehr viele Kinder, denn es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Frau vier oder fünf hat. Ich finde die Feldbesuche wichtig, da ich so die Bedeutung unserer Projekte in der Praxis nachvollziehen kann. Im Büro betreibe ich Internetrecherchen, verfasse Berichte oder sortiere Fotos. Zusätzlich finden häufig Versammlungen mit Kirchenvertretern, Investoren, Ingenieuren oder anderen Experten statt, denen ich beiwohnen darf. Zehn Tage lang habe ich in einer anderen Stadt namens Rusizi gelebt, um die Projekte an einem anderen Standort von RDIS kennenzulernen. (Über diese Zeit habe ich einen Blogeintrag verfasst). Mein Highlight war bisher, dass ich RDIS auf einem Messestand bei dem zweitägigen „Clean Cooking Investment Forum“ vertreten durfte. Dies war eine internationale Zusammenkunft von Produzenten, Investoren und Regierungsvertretern bezüglich nachhaltiger Kochmöglichkeiten mit Fokus auf Ostafrika. Das Forum fand im Convention Center in Kigali statt und es waren 40 Nationen vertreten. Mittagessen gab es im angeschlossenen Fünf-Sterne Radisson Hotel. Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal in Ruanda Käse gegessen und Sprudelwasser getrunken.

Mein zweiter Arbeitsplatz ist meine Wohnung. Ich merke, dass es viel Arbeit ist, einen Haushalt zu führen. Besonders ohne Wasch- und Spülmaschine. Seine Kleidung mit der Hand zu waschen ist kein Vergnügen, daher bin ich sehr froh, dass ich ab und zu die Waschmaschine meiner Nachbarin benutzen kann. Auch Kochen beansprucht viel Zeit, da man hier keine Fertiggerichte oder Fertigsoßen zur Verfügung hat. Also wenn ich mir Süßkartoffeln mit einer Gemüsesoße oder Kochbananen mit Reis zubereite, verbringe ich gerne mal zweieinhalb Stunden in der Küche. Falls ich keine Zeit oder Motivation zum Kochen habe, gibt es in Muhanga Buffets, bei denen man sich für 1500 ruandische Francs (1,50 Euro) satt essen kann. Allerdings füllt man sich nur einmal auf, sodass sich meist Berge von Essen auf dem Teller auftürmen. Auch sehr beliebt sind hier eine Art Fladenbrot (Capati) und dreieckige mit Hackfleisch oder Kartoffeln gefüllte Teigtaschen (Sambusa). Insgesamt ist die ruandische Küche sehr gemüse- und obstlastig. Nur mit pâte de manioc und African Tea (Tee mit Milch und viel Zucker) kann ich mich nicht anfreunden. Eine willkommene Abwechslung zur ruandischen Küche bietet die deutsche Fleischerei in Kigali mit angeschlossenem Restaurant. Dort findet man alles, was das deutsche Herz begehrt. Von Schweinshaxe über Leberkäse bis hin zur Currywurst.

Anselm, der andere Freiwillige der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) lebt in Kigali. Ihn habe ich schon mehrfach besucht. Um nach Kigali zu kommen, nehme ich einen Bus von Cyakabiri aus für 1 Euro. Die Busse sind meist asiatischer Bauart und bieten Platz für ca. 25 Personen. Nach einer Stunde Fahrzeit erreicht man die Busstation von Kigali namens Nyabugogo. Zwischen unzähligen Bussen und kleinen Geschäften tummeln sich sehr viele Menschen, sodass man schnell die Übersicht verliert. Inzwischen finde ich mich aber zurecht. Von dort aus nehme ich dann ein Mototaxi, um zu Anselms Wohnung zu kommen. Häufig wird den „Muzungus“ (so werden die Weißen genannt) zuerst ein höherer Preis genannt, nach kurzen Verhandlungen zahle ich dann aber den Richtigen. In Kigali fahren die Mototaxis meinem Gefühl nach noch rasanter als in Muhanga. Kigali bietet eine Abwechslung zu meinem Wohnort, da es viele Supermärkte und Restaurants jeglicher Art gibt. Dafür zahlt man dann aber auch europäische Preise. Am letzen Freitag waren alle deutschen Freiwillige zu einem Empfang der Deutschen Botschaft eingeladen. Dieser fand ab 18 Uhr auf dem privaten Grundstück einer Mitarbeiterin statt. Es wurde gegrillt und es gab ein köstliches Buffet. Auch Mitarbeiter der „Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ (GIZ), des „Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (BMZ) und des „Auswärtigen Amtes“ waren eingeladen, die einem gerne Fragen beantwortet haben.

Zwei weitere deutsche Freiwillige, die ich bereits aus dem Kinyarwanda Sprachkurs in Deutschland kannte, habe ich ebenfalls schon besucht. Sie leben in der Stadt Nyanza, in welcher früher die königliche Famile gelebt hat. Heute gibt es dort ein Museum, das von dieser Zeit berichtet. Die Nachbauten des traditionellen königlichen Palastes und der Nebengebäude sind sehr beeindruckend. In Nyanza gibt es zudem das größte „Schwimmbad“ der Region. Aber wenn man ein 50 Meter Becken gewohnt ist, dann ist ein 18 Meter langer Hotelpool natürlich enttäuschend.

Die Sprachenkonstellation in Ruanda ist sehr interessant, denn im Jahr 2008 wurde das System von Französisch auf Englisch umgestellt. Dies hatte fatale Folgen für einige junge Leute, mit denen ich gesprochen habe. Die Grundschule haben sie auf Französisch absolviert und dann mussten sie plötzlich auf der weiterführenden Schule Englisch sprechen. Auch für die Lehrer bedeutete dies natürlich eine große Umstellung. Aufgrund dieser Situation spreche ich mit den älteren Menschen meist Französisch und mit den Jüngeren sowie im Büro Englisch. Kinyarwanda, die Muttersprache aller Ruander benutze ich fast nur, wenn ich mit Mototaxis verhandle und auf dem Markt. Viele Verkäufer kennen mich nun, sodass ich angemessene Preise bezahle. Sie freuen sich immer sehr, wenn ich versuche Kinyarwanda zu sprechen.

Mein Sportprogramm besteht hauptsächlich daraus, Joggen zu gehen. Ich habe eine Stammstrecke, die nicht allzu stark auf und ab geht, was in Ruanda, dem „Land der Tausend Hügel“ eine echte Seltenheit ist. Am Anfang wurde ich wirklich sehr verdutzt angeschaut, doch inzwischen haben sich die meisten Menschen an den Anblick gewöhnt. Ab und zu laufen mir auch Kinder für ein paar Hundert Meter hinterher. Sie begrüßen mich, egal zu welcher Tageszeit mit „Good Morning“. Wenn ich Sonntagmorgen Zeit habe und nicht unterwegs bin, gehe ich Fußball spielen. Um 6:30 treffen wir uns auf dem Fußballplatz, um 11 gegen 11 zu spielen. An die holprigen Platzverhältnisse muss ich mich allerdings noch gewöhnen. Freitags gibt es zudem die Möglichkeit mit den Kollegen von RDIS gegen die Lehrer der benachbarten Schule Volleyball zu spielen.

Die Kälte in Deutschland vermisse ich überhaupt nicht! Es ist traumhaft, weiterhin im T-Shirt unterwegs sein zu können. Aktuell ist in Ruanda die kurze Regenzeit (von Ende September bis Mitte Dezember), sodass es manchmal starke Regenschauer gibt, die aber meist schnell vorbeiziehen.

Gesundheitlich geht es mir sehr gut! Einmal hatte ich starke Bauchschmerzen nachdem ich schlechte Milch getrunken habe, aber sonst gab es überhaupt keine Probleme. Heimweh habe ich auch keins, was zum Teil an der großen Gastfreundschaft der Ruander liegt. In den ersten beiden Wochen war das Gefühl, seine Heimat, die Familie und Freunde für ein Jahr verlassen zu haben noch ein wenig erdrückend, doch jetzt fühle ich mich sehr wohl und genieße die Zeit.

Viele Grüße aus dem warmen Ruanda!

Ansgar

 

PS: Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in meinen Berichten keine allgemein gültigen Aussagen über Ruanda und die Menschen, die hier leben treffe, sondern nur meine subjektiven Eindrücke wiedergebe.

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