Rundbrief Nr. 2

Liebe Leser, nun bin ich schon seit knapp sieben Monaten in Ruanda. Die Zeit zwischen dem letzten Rundbrief von Anfang Dezember bis jetzt ist sehr schnell vergangen. Ich knüpfe am letzten Rundbrief an, sodass wir einen kleinen Zeitsprung in die Adventszeit machen.

Adventszeit

Am 01. Dezember ist Yannik, ein weiterer VEM Freiwilliger in Ruanda eingetroffen. Er sollte eigentlich nach Sri Lanka gehen, hatte dort allerdings kein Visum erhalten. Er lebt gemeinsam mit Anselm in Kigali und arbeitet in einem Jugendprojekt.

Seit Dezember biete ich für Kollegen von RDIS und Mitarbeitern der Anglikanischen Kirche einen Deutschkurs an. Themen wie Begrüßungen, Zahlen, oder das Alphabet standen auf dem Lehrplan. Wir haben auch schon mit der Grammatik begonnen und zum Beispiel über die Konjugation der Verben im Präsens gesprochen. Wir treffen uns dienstags und donnerstags für jeweils eine Stunde. Der Unterricht und das Erstellen der Lernmaterialien machen mir viel Spaß. Leider erscheinen manche Leute recht unregelmäßig, was ich voll nachvollziehen kann, da sie alle berufstätig sind, doch dies führt dazu, dass der Wissensstand in der Gruppe stark variiert.

Für RDIS habe ich in dieser Zeit zusammen mit einem Kollegen einen Kalender entworfen, in dem wir unsere Projekte vorstellen. Der Kalender ist sehr gut geworden und hängt nun hoffentlich in vielen Kirchenbüros und Behörden.

Kurz vor Weihnachten war ich einer von sechs Trauzeugen bei einer ruandischen Hochzeit. Am Vormittag fand der traditionelle Teil statt. Wir trugen traditionelle Kleidung, bestehend aus Sandalen, dunkelblauer Hose und Hemd sowie einem Hirtenstock. Dieser Teil der Hochzeit fand auf einem Gartengelände statt. Es waren zwei große Zelte aufgestellt, unter denen sich die beiden Familien des Paares gegenübersaßen. Es wurden Reden gehalten, traditionelle Tänze aufgeführt und zuletzt noch gemeinsam gegessen. Der zweite Teil der Hochzeit am Nachmittag begann mit einem zweistündigen Gottesdienst. Übrigens: In Ruanda küsst sich das Brautpaar nicht, sondern umarmt sich. Nach dem Gottesdienst sind wir in eine Festhalle gegangen, wo die Hochzeitstorte angeschnitten und Geschenke überreicht wurden. Bei der Hochzeit waren ungefähr 400 Gäste.

Aufgrund des warmen Klimas ist bei mir keine Weihnachtsstimmung aufgekommen. Auch Heiligabend habe ich sehr ruhig bei meinem Mentor und seiner Familie verbracht. Ich war überrascht zu hören, dass man sich in Ruanda normalerweise nicht beschenkt. Ich bin trotzdem nicht leer ausgegangen, denn das Paket meiner Eltern aus Deutschland ist angekommen. Darin waren schöne Dinge wie Schokolade, Pumpernickel-, Dinkel- und Roggenbrot, allerlei Gewürzmischungen und Maggi-Suppen, meine Fußballschuhe und vieles mehr.

2019

Im Januar hatten wir sehr interessanten Besuch bei RDIS. Ein deutsches Ehepaar, welches ein Müllentsorgungsunternehmen geleitet hat, möchte sich einen Überblick über unser Mülltrennungsprojekt und die Gesamtlage in Ruanda verschaffen. Mit dem Ehepaar haben wir viele Aktivitäten unternommen, bei denen ich dabei sein durfte. So waren wir z.B. bei der ruandischen Umweltbehörde, haben ein Unternehmen besichtigt, das Briketts aus dem Abfall der Reisproduktion herstellt oder haben eine Mülldeponie besucht. Durch den Austausch mit dem Ehepaar hat RDIS viele Anregungen erhalten und nun suchen wir eine Möglichkeit, wie wir unser Mülltrennungsprojekt ausweiten können.

Generell sind meine Aufgaben sehr vielfältig und neuerdings bin ich sogar Synchronsprecher. Für die deutsche Version eines Informationsvideos über unser Kochöfen-Projekt habe ich meine Stimme zur Verfügung gestellt. Dazu habe ich zuerst den Text der englischen Version übersetzt und anschließend eingesprochen. (Unter folgendem Link findet ihr das Video: http://rdis.org.rw/about-us/blog/film-about-project-for-improved-cook-stoves )

Auch nach über einem halben Jahr fühle ich mich bei RDIS weiterhin sehr wohl. Da ich unterschiedliche Aufgaben habe und in verschiedenen Bereichen arbeite, wird mir nicht langweilig. Größtenteils arbeite ich im Büro, doch häufig haben wir Meetings bei anderen Organisationen, Behörden und Ministerien oder wir werden selber von externen Leuten besucht. Dadurch gibt es immer wieder spannende Abwechslung. Ich bin dankbar, dass meine Kollegen mich ernst nehmen und ich kann viel von ihnen lernen.

Zwischenseminar in Tansania

Ende Februar fand das Zwischenseminar in Tansania statt, genauer gesagt in der Stadt Morogoro, die ca. 150 Kilometer westlich von Daressalam liegt. Anselm, Yannik und ich sind zuerst von Kigali nach Bukoba am Viktoriasee gefahren, wo wir Lisa, eine andere VEM-Freiwillige, besucht haben. Gemeinsam sind wir dann nach Morogoro weitergereist. Einen Zwischenstopp haben wir noch in Dodoma, der Hauptstadt Tansanias gemacht. Insgesamt betrug die Fahrtzeit im Bus von Kigali nach Morogoro über 30 Stunden. Richtig entspannen konnte ich auf den Fahrten leider nicht, da fast durchgehend laute Musik lief (meistens Bongo Flava – tansanische Rapmusik). In Morogoro angekommen wurden wir zuerst von der Hitze erschlagen. Dort ist es eigentlich immer deutlich über 30 Grad warm und auch nachts kühlt es nicht ab. Bevor das Seminar begann haben wir uns noch die Innenstadt von Morogoro angeschaut und auf mich wirkte die Stadt noch deutlich trubeliger als alle ruandischen Städte, die ich bisher kennengelernt habe.

Am Seminar haben ungefähr 35 deutsche Freiwillige teilgenommen. Eine Freiwillige kam aus Kenia und zwei sogar aus Ägypten. Sonst hatten alle Freiwilligen ihre Einsatzstelle in Tansania. Daher lag der Fokus inhaltlich logischerweise eher auf Tansania, was ich aber nicht schlimm fand, denn so konnte ich tiefere Einblicke in ein weiteres Land neben Ruanda erhalten. Das Seminar dauerte fünf Tage und wir haben in den Einheiten über viele verschiedene Themen gesprochen. So haben wir eine Gefühlskurve des ersten Halbjahres gemalt und uns dann in Kleingruppen darüber ausgetauscht. In anderen Einheiten haben wir zum Beispiel darüber geredet, was uns im Einsatzland irritiert oder welche Privilegien wir haben. An einem Tag haben wir einen Ausflug zu einem Projekt gemacht, in dem Ratten dazu ausgebildet werden Landminen aufzuspüren. Die Ratten haben nämlich die Fähigkeit den Sprengstoff zu erschnüffeln. Diese Methode ist deutlich schneller und günstiger als alle herkömmlichen Verfahren. (Wer mehr über das Projekt erfahren möchte: www.apopo.org )

Insgesamt war das Seminar sehr bereichernd und ich konnte einige Anregungen für das zweite halbe Jahr mitnehmen. Besonders interessant fand ich es die Unterschiede zwischen Ruanda und Tansania zu erleben. Der auffälligste Unterschied, wenn man über die Grenze fährt ist die Landschaft. Tansania ist über 30 Mal so groß wie Ruanda und deutlich weniger dicht besiedelt. In Ruanda sieht man fast auf jedem Hügel eine Siedlung, in Tansania hingegen gibt es scheinbar endlose flache Savannen. Auch was die Sprache betrifft gibt es einen großen Unterschied. Neben Kisuaheli, der gemeinsamen Sprache, gibt es in Tansania noch zahlreiche Stammessprachen. In Ruanda ist Kinyarwanda tatsächlich die Muttersprache aller Ruander. In Tansania sprechen zudem viele Menschen kaum Englisch, sodass man zum Kommunizieren Kisuaheli benötigt. Ich war sehr beeindruckt zu sehen, dass viele Freiwillige mittlerweile fließend Kisuaheli sprechen. Da ich an der Arbeit Englisch und Französisch spreche, beschränken sich meine Kinyarwanda Kenntnisse auf das Einkaufen und Verhandeln auf dem Markt. Was das Essen betrifft habe ich die große Auswahl der ruandischen Buffets vermisst. Dafür gibt es in Tansania köstlichen Reis mit Bohnen und Chipsi Mayai (Pommesomelett). Es war auch ungewohnt, dass die Einkäufe in Plastiktüten verpackt werden, denn in Ruanda bekommt man durch das Plastiktütenverbot alles in Papptüten.

Leider musste ich in Morogoro noch ins Krankenhaus gehen, da ich beim Seminar von einem Insekt am Ringfinger gestochen wurde und der Finger daraufhin stark angeschwollen ist. Der Arzt hat mir ein Antibiotikum und ein Antiallergikum verschrieben und nach drei Tagen war alles wieder normal. Im Anschluss an das Seminar habe ich noch andere Freiwillige besucht und es war spannend ihre Einsatzstellen und Lebensumstände zu sehen.

Nach einer langen und anstrengenden Busfahrt bin ich gut wieder in Ruanda angekommen. Heimweh hatte ich bisher noch keins und meine Wohnung fühlt sich inzwischen wie ein echtes Zuhause an. Ich bin überzeugt, dass das zweite Halbjahr ähnlich schön werden wird und ich genieße jeden Tag den ich hier verbringen darf.

Viele Grüße aus Ruanda,

Ansgar

 

P.S.

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in meinem Bericht keine allgemein gültigen Aussagen über Ruanda und Tansania sowie die Menschen, die dort leben treffe, sondern nur meine subjektiven Eindrücke wiedergebe.

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