Rundbrief Nr. 3

26.05.2019

Liebe Leser, 3/4 meiner Zeit in Ruanda sind vorbei und in diesem Rundbrief erfahrt ihr, was ich in den letzten Monaten seit meiner Rückkehr aus Tansania erlebt habe. Viel Spaß beim Lesen!

RDIS

Die letzten beiden Wochen habe ich in der beschaulichen Stadt Butare gelebt und gearbeitet. Die Stadt ist einer der vier Standorte von RDIS, in deren Umland wir die verbesserten Kochöfen verteilen und andere Projekte durchführen. Butare liegt im Süden Ruandas und Studenten machen einen großen Teil der Einwohner aus. Gewohnt habe ich in einem kleinen Zimmer des Gästehauses der Anglikanischen Kirche. Ich durfte mit den beiden Feldkoordinatoren zusammenarbeiten und konnte sie bei einigen Aufgaben unterstützen. So habe ich z.B. die Verträge für die verbesserten Kochöfen im Büro vorbereitet, sie bei einem Feldbesuch von den Begünstigten unterschreiben lassen und anschließend in eine Excel-Tabelle übertragen. Des Weiteren habe ich zwei Gruppen unseres „CCT-Projekts“ (Church and Community Transformation) besucht. Eine Gruppe hat ein Training von RDIS über moderne Landwirtschaft erhalten und im Anschluss eine eigene Bananenplantage angelegt. Die andere Gruppe hat nach einem Training von RDIS erfolgreich damit begonnen, Mikrokredite zu vergeben. Im Anschluss an die Besuche habe ich an Erfolgsgeschichten über diese beiden Gruppen mitgearbeitet. In meiner Freizeit habe ich u. a. das Ethnographische Museum besucht, welches Einblicke in die Geschichte und Kultur Ruandas gibt. Es ist sehr gut gestaltet und verfügt über viele originale Exponate. Zu meiner Freude gibt es in Butare zudem sehr gute Restaurants und Cafés. Ich habe die Zeit dort sehr genossen und bin froh, dass ich eine weitere Stadt näher kennenlernen konnte.

Im Mai wurde RDIS von einer VEM-Mitarbeiterin aus Wuppertal besucht. Sie arbeitet im Team Projekte und Spenden und wollte sich ein näheres Bild von der Arbeit von RDIS machen. Wir haben mehrere Haushalte, eine Ziegelfabrik, eine Schreinerei und weitere Einrichtungen besucht. Ich freue mich immer sehr über Besucher, da es eine interessante Abwechslung zum Alltag ist und ich durch Gespräche viel Neues lerne.

Vor kurzem fand ein Treffen mit allen deutschen Freiwilligen meiner Diözese statt (also den beiden jungen Damen aus der Stadt Nyanza und mir). Es ging um Probleme und Herausforderungen, denen wir bisher begegnet sind sowie Verbesserungsvorschläge für die zukünftigen Generationen von Freiwilligen. Da wir alle sehr zufrieden sind und es keine Komplikationen gab, fiel das Treffen kurz aus.

Genozid 1994

Zu diesem Thema habe ich mich bisher noch nicht geäußert. Die Trauerwoche für den Genozid vom 07. bis zum 14. April nehme ich zum Anlass, ein paar Sätze diesbezüglich zu schreiben.

Die Trauerwoche findet jedes Jahr statt, um den Opfern des Genozids zu gedenken. Es finden zahlreiche Veranstaltungen statt, bei denen sich die Bevölkerung über die Geschehnisse von 1994 austauscht. Vormittags waren viele Läden geschlossen und auch im Fernsehen war das Thema omnipräsent. Überall im Land haben Behörden, Kirchen, Universitäten, etc. graue Banner mit der Aufschrift „Kwibuka“ (sich erinnern/gedenken) aufgehängt.

Ich selber habe an einem Gedenkgottesdienst der Anglikanischen Kirche teilgenommen. Viele Würdenträger, wie Pfarrer oder die Bürgermeisterin haben lange Reden gehalten. Eine ältere Dame, die den Genozid überlebt hat, berichtete, wie sie geflohen ist, welche Angst sie verspürt hat und wen sie verloren hat. Für eine andere Überlebende war die Auseinandersetzung mit den eigenen Erinnerungen so emotional, dass sie entkräftet ins Krankenhaus gebracht werden musste. (Eine Anmerkung am Rande: Der Gottesdienst war auf Kinyarwanda, ein Kollege hat für mich übersetzt.) Im Anschluss an den Gottesdienst sind alle Teilnehmer gemeinsam zu einem Massengrab in der Nähe gegangen und haben Blumen niedergelegt. Ich bin sehr dankbar, dass ich an dieser Gedenkveranstaltung teilnehmen durfte.

Abgesehen von der Trauerwoche spüre ich im Alltag kaum etwas vom Genozid. Das liegt allerdings daran, dass ich die Sprache nicht spreche und neben der Arbeit keinen allzu engen Kontakt zu RuanderInnen habe. Ebenso habe ich kein persönliches Gespräch mit einem/r RuanderIn über dieses Thema geführt. Von diesem oberflächlichen Eindruck sollte man sich nicht täuschen lassen. Ich gehe davon aus, dass die traumatischen Ereignisse die Menschen und das Land noch lange prägen werden.

Da sich der Genozid in diesem Jahr zum 25. Mal jährte, war das Thema auch in den deutschen Medien präsent. Teilweise ist die Berichterstattung aber ungenau. Daher möchte ich euch zwei gelungene Berichte empfehlen:

http://spon.de/afr1H

Der Spiegel-Artikel gibt einen guten Überblick über die Geschehnisse 1994 und die Vorgeschichte.

https://www.zdf.de/politik/auslandsjournal/ruanda—gorillas-gruene-huegel-und-gruenderboom-vom-4-april-2019-100.html

Die 30-minütige Dokumentation handelt von der Entwicklung Ruandas nach dem Genozid.

Die schönste Nebensache der Welt

Ein weiterer Punkt auf meiner To-do-Liste, nämlich ein ruandisches Fußballspiel der 1. Liga zu besuchen, ist abgehakt! Gemeinsam mit Yannik habe ich mir das Spitzenspiel zwischen Rayon Sports und APR FC angeschaut. Das Spiel fand im Nationalstadion namens Amahoro (Frieden) statt. Ich war sehr überrascht zu sehen, dass es sogar über Plätze für Rollstuhlfahrer am Rande des Spielfelds verfügt. Das Spiel war nicht hochklassig, aber dafür spannend! Es wurde durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit entschieden (1:0).

Nur eine Woche später war Rayon Sports, die weitaus populärste und erfolgreichste Mannschaft Ruandas beim A.S. Muhanga zu Gast. Spontan haben Yannik und ich uns auch dieses Spiel angeschaut (1:3). Obwohl das Spiel in Muhanga stattfand, waren ca. 90% der Fans für Rayon Sports. Anstelle von Fangesängen, wird in Ruanda Musik bzw. Lärm mit Trommeln und Blasinstrumenten gemacht. Auch die Vuvuzela, die schon 2010 für „Stimmung“ in Südafrika sorgte, ist hier weit verbreitet. Nicht alle Fans konnten sich den Eintritt leisten, daher waren die um das Stadion liegenden Mauern und Bäume voll besetzt.

 

Auch nach neun Monaten fühle ich mich weiterhin sehr wohl in Ruanda. Dennoch freue ich mich, bald nach Deutschland zurückzukehren, meine Familie und Freunde wiederzusehen und ein Studium zu beginnen.

Ich freue mich über Fragen und Kommentare.

Viele Grüße aus Ruanda und bis bald,

euer Ansgar

 

PS: Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in meinem Bericht keine allgemein gültigen Aussagen über Ruanda sowie die Menschen, die hier leben treffe, sondern nur meine subjektiven Eindrücke wiedergebe.

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