Rundbrief Nr.3

Hier nun mein dritter Rundbrief:

3.Rundbrief: Jule in Maltahöhe

Die in diesem Bericht enthaltenen Informationen basieren auf meinen persönlichen Empfindungen und Wahrnehmungen. Ein durch meine Erfahrungen entstehendes Bild spiegelt keines Falls ein konkretes Bild von Namibia wider und kann nicht auf alle in Namibia lebenden Menschen und auch nicht auf alle Angehörigen, der von mir genannten, ethnischen Gruppen angewandt werden.

Maltahöhe, im Mai 2019

Hallo ihr Lieben,

Ich kann es kaum glauben, aber mittlerweile bin ich schon seit über acht Monaten hier und es sind nur noch etwas mehr als 3 Monate übrig, die ich hier in Namibia verbringen werde.
Mir geht es sehr gut und ich stecke in der Planung für die Zeit nach meiner Rückkehr.
Ich hoffe bei Euch ist auch alles in Ordnung.
Es sind wieder viele Dinge geschehen über die ich nun berichten möchte.

Zuerst eine Korrektur: Im ersten Rundbrief schrieb ich über die Aufteilung von Maltahöhe. Diese war allerdings nicht richtig. Zumindest würde kein Einheimischer sie so benennen.
Sondern eher so: Maltahöhe ist eingeteilt in „Town“, das Zentrum des Dorfes mit Supermarkt und Bank; „Happy Village“, die bunte Häuserreihe zwischen Town und der Location. Die Location ist dann nochmal unterteilt in „Andrewville“, wo ich wohne und „Blikkiesdorp“ mit den Häusern aus Wellblech.

Oh, du wunderschönes Namibia und meine Eltern treffen meine namibische Familie:
Nachdem ich aus Südafrika wiederkam dauerte es nicht mehr lang bis die nächste Reise für mich anstand. Doch zuerst kamen meine Eltern nach Maltahöhe, wo wir gemeinsam mit der Pfarrersfamilie einen Braai hatten und ich ihnen meine Einsatzstelle zeigte. Am nächsten Tag ging es dann für meine Eltern und mich einmal quer durchs Land. Ich durfte in dieser Zeit noch mehr von diesem wunderschönen Land kennenlernen und konnte meinen Eltern Orte zeigen, die ich schon besucht hatte. Ich wurde erneut fasziniert von den Landschaften meiner Heimat auf Zeit und davon, wie unterschiedlich doch jeder einzelne Ort und jede Weite zwischen den Orten ist.
An einer Stelle trifft man auf Zebras und Antilopen in freier Natur, im nächsten Augenblick stellen sich Berge und Felswände vor einem auf und im wieder nächsten Moment treffen Dünen auf das Meer. Erst ist alles steinig grau, dann sandig rot/gelb und dann plötzlich blühend grün.

Gastfreundschaft und Gemeinschaft:
Eine Sache fällt immer wieder auf: So ziemlich in jedem Haus wird Besuchern zu jeder Zeit das Gefühl gegeben sie seien willkommen. Man betritt das Haus und sofort fängt jemand an Kaffee oder Tee zuzubereiten. Wenn man Besuch erwartet wird sogar gerne noch etwas gebacken oder ein aufwändiges Essen vorbereitet. Dies bewies sich auch beim Besuch meiner Eltern, als Dolene mir versicherte, dass sie sich einfach freue, dass sie Besuch bekommt und meine Eltern kennenzulernen, es sich in ihrer Tradition gehört einen so großen Aufwand für Besucher mit langer Anreise zu machen und sie sie traditionelles Essen vom Braai probieren lassen wolle und deshalb schon am Tag vor dem Besuch anfing alles für den Braai vorzubereiten.
Generell herrscht in Maltahöhe eine gute Gemeinschaft. So ziemlich jeder kennt jeden und die Bewohner des Dorfes bezeichnen sich selbst häufig als „Community“. Dadurch, dass jeder jeden kennt, weiss man auch oft von Problemen anderer und hilft sich gegenseitig gerne. Wenn meine Gastmutter beispielsweise weiss, dass jemand kein ordentliches Sonntagsessen auf dem Teller hat, wird etwas von ihrem Essen hingeschickt. Auch wenn Arbeiten im Haus fällig sind, beauftragen die Bewohner Maltahöhes lieber jemanden, von dem sie wissen, dass er keinen oder einen nicht gut bezahlten Job hat und sich so etwas dazu verdienen kann. So hilft man sich gegenseitig bei eigentlich allem aus.
Und besonders in unserer Gemeinde wurde mir der Zusammenhalt schon an einigen Tagen bewiesen und auch an jedem Sonntag, wenn sich nach dem Gottesdienst alle vor der Kirche versammeln, noch ein gemeinsames Lied singen, den Wochenvers gemeinsam aufsagen und sich anschließend gegenseitig Grüßen, was in den anderen Gemeinden des Ortes nicht stattfindet.
Außerdem zeigte sich die Gemeinschaft erneut bei dem Trauergottesdienstes eines leider kürzlich verstorbenen Krankenpflegers, mit dem auch ich kurze Zeit zusammenarbeiten durfte. Zu diesem kam nämlich ein Großteil der Bewohner Maltahöhes. Auch dass generell sehr viele Mitglieder der Gemeinde zu Beerdigungen kommen, zeigt den Zusammenhalt.

Mein ganz besonderer normaler Geburtstag:
Warum besonders?
Besonders, weil ich zum ersten Mal weit weg von Zuhause diesen Tag feierte. Besonders, weil ich das erste Mal ohne meine Familie feierte. Besonders, weil mir morgens um sechs schon 60 Kinder ein Ständchen sangen. Besonders, weil diesmal meine Gastmutter einen Kuchen backte. Besonders, weil ich in Namibia Geschenke auch aus Deutschland auspackte. Besonders, weil ich vormittags ein verletztes Kind aus der Schule abholte und mit ihm in die Klinik ging. Besonders, weil ich mit 60 Kindern und Kolleginnen tanzte, anstatt mit meinen Freunden. Das alles machte meinen Geburtstag besonders.
Und normal?
Normal, weil ich mit lieben Menschen Kuchen aß, tanzte, Geschenke auspackte und ein Ständchen bekam. Nur eben in Namibia.
Das alles machte meinen 19. Geburtstag zu einem besonderen normalen Geburtstag. Es war alles normal nur doch irgendwie anders.

Der jährliche Basar:
Der Basar ist das Gemeindefest der Sigem Gemeinde. Auch dieses ist besonders im Ort und wird von Mitgliedern anderer Kirchen gerne unterstützt, da ein solches in den anderen Gemeinden nicht stattfindet. Es bringt die Gemeinde für einen Tag gemeinsam auf den Kirchhof, wo Stände mit Essen und Trinken aufgestellt sind, gequatscht und auch zusammen getanzt wird.
Die verschiedenen Stände bereiten die einzelnen Gruppen aus den verschiedenen Teilen Maltahöhes vor. Wir in Andrewville hatten einen Stand mit Süßem und Gebackenen und halfen auch den Leuten aus Blikkiesdorp am Grill aus, die schon zwei Tage vorher im Dorf gegrilltes verkauften.

Osterferien:
Nachdem Basar standen auch schon die Osterferien vor der Tür. Diese gehen hier nämlich 4 Wochen lang. Dieses Jahr von Mitte April bis Mitte Mai.
Eine Woche vor Gründonnerstag, von Mittwoch bis Mittwoch, trafen wir uns jeden Abend in der Kirche um gemeinsam jeden Abend einen Teil der Ostergeschichte zu lesen und zu singen. Hier darf jeder lesen, wenn er will und so las auch ich jeden Abend einen Teil.
Eine schöne Tradition.
Über Ostern selbst fuhr ich dann mit meiner Gastfamilie nach Walvis Bay, wo wir zwei tolle Wochen verbrachten. Wir besuchten viele Freunde und Familienmitglieder und ich verbrachte zum ersten Mal seit langem mal wieder Zeit mit Leuten in meinem Alter. An Ostern selbst gab es Curry-Fisch, das traditionelle Essen der Baster für Ostern, was, wie der Name schon sagt, Fisch in einer Currysauce ist und Ostersonntag findet morgens um vier Uhr ein sehr kurzer Gottesdienst, mehr eine kleine Zeremonie,bei der jeder weiß trägt, statt. Warum vier Uhr morgens? Weil man in etwa zu der Zeit die Auferstehung feiern will, zu der sie geschah.Warum weiß? Es steht für die Freude über die Auferstehung Jesu. Im Anschluss gehen alle mit angezündeten Kerzen zum Friedhof, wo die Kerzen auf die Gräber gestellt werden. Wenn man dann auf den Friedhof schaut, ergibt sich ein wunderbares Bild eines Lichtermeers.
Des Weiteren veranstalteten wir an einem Tag einen Braai und verkauften Teller mit gegrilltem Fleisch, Roosterbroot und Kartoffelsalat (typisch für Namas und Damaras).
Am Samstag nach Ostern fuhren wir zudem mit der gesamten Familie zu Dune 7, wo wir erneut grillten und ich mit den Kindern die Düne erklomm.
Außerdem verbrachte ich einen Abend mit einem Spaziergang an der sogenannten Lagune, wo gerade die Sonne über dem Meer unterging, während die Flamingos und Pelikane in diesem badeten.
An unserem letzten Abend waren wir zum 70.Geburtstag einer Verwandten von Dolene eingeladen. Da sie und ihr Ehemann auch gerade an ihrem Haus angebaut hatten, baten sie den Pfarrer diese zu segnen. Auch danach beteten und sangen wir alle noch gemeinsam, wie eigentlich auf allen Veranstaltungen. Trotzdem bemerkte ich in diesem Moment erneut wie schön ich das finde.
Eine Sache die mir während des Aufenthaltes in Walvis Bay auffiel, war der Unterschied zwischen dem kleinen Maltahöhe (ca.5000 Einwohner) und dem eher städtischen Walvis Bay (ca.68.000 Einwohner) an der Küste. Während die Menschen in Maltahöhe direkt wissen, wovon man spricht, wenn man Walvis Bay erwähnt, haben manche Leute in Walvis Bay keine Ahnung wo Maltahöhe ist. Außerdem gibt es in Walvis Bay viele Einkaufsmöglichkeiten und deutlich mehr Möglichkeiten seine Freizeit zu gestalten. Dennoch ist Walvis Bay verglichen mit Deutschland eher ein Niederkassel (mein Heimatort mit etwa 40.000 Einwohnern) als ein Köln, auch wenn es den einzigen Tiefseehafen an der südwestafrikanischen Küste hat und die drittgrößte Stadt Namibias ist. Es zeigt einmal mehr wie unterschiedlich dieses Land ist.

Konzert der Collective Singers und Esme:
Am Tag unserer Rückkehr nach Maltahöhe fand in der Kirche ein Konzert statt. Die Collective Singers sind eine Chor-Gruppe aus Windhoek, die aus Mitgliedern unterschiedlicher Kirchen besteht und sowohl Kirchenmusik als auch kulturelle und internationale Musik darbietet. Viele der Sängerinnen und Sänger haben eine Gesangsausbildung und/oder haben bereits in hochgradigen namibischen Chören gesungen. Neben der Musik beeindruckten sie mit ihrer traditionellen Kleidung der unterschiedlichsten namibischen Kulturen aus denen sie stammen. Ein repräsentatives Bild Namibias, besonders als sie in dieser Kleidung von Namibia als Land der Vielfalt sangen. Passend auch zu dem was ich auf meinen Reisen durch Namibia und eben kurz vorher erneut bemerkt habe.
Vor ihnen und in ihrer Pause durften wir Esme zuhören. Sie stammt aus Maltahöhe und hat sich in Namibia als Sängerin einen Namen gemacht. So singt sie in Shows in Windhoek und auf verschiedensten Veranstaltungen. Es war ein sehr schönes Konzert, das Ohren und Seele gut tat.

Meine Arbeit und Entwicklung:
An der Arbeit im Hostel hat sich nicht viel geändert. Ich mache soweit das gleiche wie zuvor und habe in der Zwischenzeit Osterdekoration mit den Kindern gebastelt und viel gespielt. Auch in der Klinik war ich weiterhin tätig. Eventuell werde ich allerdings in nächster Zeit anstatt in der Klinik am Vormittag in der Grundschule arbeiten oder an manchen Tagen hier und an den anderen dort. Das liegt nicht daran, dass mir die Arbeit in der Klinik keinen Spaß macht, sondern daran, dass in der Klinik für mich nicht immer etwas zu tun ist und ich so auch nochmal einen weiteren Bereich des Arbeitens in Namibia kennenlernen kann.
Das Arbeiten mit den Kindern macht mir noch immer Spaß, genauso wie das Mitorganisieren der Gemeindetätigkeiten. Wie bereits im letzten Rundbrief erwähnt, bin ich durch meine Erfahrungen flexibler und gelassener geworden und entwickle in diesen Punkten noch stets weiter. Beispielsweise nehme ich es mittlerweile sehr gelassen, wenn meine gute Freundin Grace oder auch Dolene ein „You are getting fat“ oder alternativ ein „You are nice fat, ne“ entgegenbringen. Was ich in Deutschland eher ungern hören würde, ist hier einfach so gesagt und man meint es wirklich „nice“ und keineswegs als Beleidigung. Da sie eben wissen, dass sie mich zu Beginn meiner Zunahme, die unter anderem der Nahrungsumstellung auf sehr viel Fleisch, Fett und Zucker zu verdanken ist, damit ärgern konnten, ist es einfach nur ein liebevolles Necken. Und das geht auch keinesfalls nur von einer Seite aus. 😉
Das war es nun erstmal wieder von mir und ich sende euch jetzt noch warme Grüße aus dem auf den Winter zugehenden Namibia.

Bis in drei Monaten

Eure Jule, Sophie, Sophia oder wie ihr mich auch immer nennen wollt

Eine Giraffe im Etosha-Nationalpark
Löwen im Etosha-Nationalpark
Meine Freundinnen und ich vor der Kirche an meinem Geburtstag
Unser Stand beim Gemeindefest
Auf Dune 7
Sonnenuntergang an der Lagune
Collective Singers in traditioneller Kleidung
Einige Hostelkinder und ich in einer Spielpause

0 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.